Die „Linie 1“ fährt ab 19. August weiter in Herdringen – Einsteigen lohnt sich auf jeden Fall

Sommermusical auf der Freilichtbühne überzeugt auf der ganzen Linie

Herdringen. Da ist dieses etwas schüchterne Mädchen in der blauen Latzhose, das zum ersten Mal den elterlichen Stall auf dem Land verlassen hat und sich plötzlich in einer Großstadt wieder findet. Eigentlich nichts Besonderes wenn es nicht um die deutsche Hauptstadt ginge und sich diese Hauptstadt auf der Freilichtbühne in Herdringen wieder finden würde. „Linie 1 – Nächster Halt: Berlin“ – so lautet das aktuelle Erwachsenenstück der Saison und wurde seit der Premiere am 15. Juli schon fünf Mal auf der Bühne gespielt. Seit dem 24. Juli ist Sommerpause in Herdringen – zum 19. August rollt der Zug wieder nach Berlin und mit ihm die Linie 1 in Herdringen. Es lohnt sich zuzusteigen!

Einsteigen lohnt sich!

In wenigen Sätzen geschildert, wird die Geschichte des „Mädchens“ – sie heißt auch mal Alice oder Lari-Fari – erzählt, die aus der Enge des Elternhauses ausgebrochen ist und die große weite Welt, na – zumindest Berlin – schnuppern möchte. Und da gibt es diesen Freund, einen Rocksänger, der „der Kleinen“ vermutlich auf einem Scheunenkonzert den Kopf verdreht hat und sich auf eine Affäre mit dem Mädchen eingelassen hat, deren Folgen im Stück etwas im Dunkeln bleiben. Egal, in der Hauptstadt angekommen macht sich die Landpomeranze – authentisch gespielt von Johanna Albrecht – auf die Suche nach ihrem Märchenprinz und begegnet dabei einer ganzen Reihe schräger Typen. Die Suche nach ihrer vermeintlich großen Liebe begleitet das ganze Stück nur nebensächlich, das romantische Finale fehlt aber nicht – und wird von den Zuschauenden stets mit einem „Ohhhhhh“ kommentiert. Es sind aber die vielen Neben-Schauplätze, die das Stück in Herdringen zu einem echten Hingucker machen.

Spannende Nebenschauplätze auf der Bühne

Auf der Bühne da sind die Landstreicher, die schon vor dem Start des Stückes auf der Herdringer Bühne am Metallfass herumlungern und sich mit ihrer Mantra-artigen Frage „Hasse mal ´ne Mark“ schnell in die Herzen der Zuschauenden spielen. Da ist aber auch der Junge „Bambi“ (gespielt von Florian Schulte), der sich anbietet, den gesuchten Rocksänger in der Hauptstadt aufzutreiben. „Hasst du ein Glück, dass du mich getroffen hast“ wird er dem Mädchen gegenüber dabei nicht müde immer wieder zu behaupten und hat es doch selber nur auf ihr Herz abgesehen. Und da sind noch die vielen anderen Menschen, die auf der Bühne für ein buntes Leben sorgen – ob im Kietz-Kiosk, auf der Straße und auf jeden Fall bei allen Szenen in der U-Bahn, der Linie 1.

Vier mit viel Erfindungsgeist gebastelte U-Bahnwagen werden zur zweiten Bühne auf der Bühne und per Handarbeit zur passenden Szene des Klassikers aus den 80er Jahren immer wieder auf die Bühne geschoben. Ganz Genaue, Spießer, Alternative oder Hippies – die Linie 1 hat während ihrer Fahrt von allem etwas zu bieten und begeistert ihr Publikum auf der ganzen Länge. Begegnungen, Schicksale oder Tragödien – in den Waggons wird dem Publikum alles geboten, was die 80er Jahre in Berlin so zu bieten hatten. Vor alle eine von Laien geprägte Schauspielkunst allererste Güte. Text- und treffsicher sitzen die Pointen und machen einfach nur Spaß. Aber nicht nur das: In den teilweise auch längeren Dialogen der Bühnen-Akteure werden die Sorgen, Nöte und Bedenken der Menschen aus den 80er Jahren angesprochen – aber nie unnötig in die Länge gezogen.

Nöte und Bedenken der Menschen

Apropos Spaß – den gibt es auf der Freilichtbühne auch mit einer tollen Choreografie von Saskia Senft (auch Regie) und Tim Erlmann (Musikalischer Leiter). Wie es sich für ein echtes Musiktheater gehört, wird natürlich viel gesungen und getanzt. Und das muss man einfach mögen: Lieder mit eingängigen Melodien und einprägsamen Texten gehen fast nahtlos – außer vom Applaus der Gäste unterbrochen – in den nächsten Handlungsstrang über. Und während der rund zweieinhalbstündigen Spielzeit (ohne Pause von ca. 20 Minuten) kommt bei den Zuschauenden alles auf – nur keine Langeweile!

Das Mädchen vom Lande ist allein in der großen geteilten Stadt der 80er Jahre unterwegs.

Text, Musik und Tanz – und den Witz für Zwischendurch gibt es noch gratis dazu. Zum Beispiel von einer Art „Pausenclown“, der die im Lauf des Stückes erforderlichen Umbau- und Umkleidepausen mit schrägem Humor auf seine ganz typische Art und stets solo überbrückt. Eigentlich sind sind seine Auftritte eigene Programmpunkte im Programm – ob beim Liebesflirt der Fische in Topflappen-Handschuh-Form oder beim „Musizieren“. Eine eigene Nummer und auf jeden Fall einer der Top-Acts des insgesamt spitzenmäßigen Theaters ist der Auftritt der „Wilmersdorfer Witwen“ – auf der Freilichtbühne Herdringen natürlich von in weiblichen Rollen erfahrenen Männer gespielt. Von ihren schwarzen Witwen-Kostümen bis zu ihren Sprüchen, die an der Verherrlichung der Zeit zwischen 1933 und 1945 nur knapp vorbeischrappen, ihre Kombination aus Tanz und Gesang in einer eigenen Witwen-Choreografie im Scheinwerferlicht lässt das Publikum jubeln.

Witwen-Choreografie lässt Publikum jubeln

Den tosenden Applaus nach rund zweieinhalb Stunden Spielzeit haben sich alle rund 40 Akteure auf der „Linie 1“ in Herdringen mehr als verdient. Von aufwändigen Einzelproben, die der Pandemie geschuldet waren, und einer monatelangen Vorbereitung lassen sich die Schauspielenden in Herdringen nichts anmerken. Viele von ihnen stehen ohnehin die meiste Zeit komplett auf der Bühne oder schlüpfen gekonnt in die verschiedenen Rollen – zackiges Umziehen inklusive.

Politisch-gesellschaftlicher Hintergrund

Mit dem Ende der Sommerpause auf der Freilichtbühne Herdringen wird das Stück nach dem Buch und den Liedtexten von Volker Ludwig noch insgesamt zehn Mal auf der Bühne gespielt. Wer sich gut unterhalten wissen will und dabei auch auf Lachen und nachdenkliche Texte vor dem politisch-gesellschaftlichen Hintergrund der 80er Jahren nicht verzichten möchte sollte nicht verpassen jetzt  einzusteigen. Denn wenn das Stück nach den ersten fünf Durchgängen vor Publikum so richtig Fuß gefasst hat, könnte es mit Plätzen zum Ende der Spielzeit auch wieder knapp werden. Dernière ist am Samstag, 10. September um 20 Uhr. Karten und Infos gibt es im Netz unter www.flbh.de

Spiel-Termine: 

Freitag, 19. August – 20 Uhr

Samstag, 20. August – 20 Uhr

Dienstag, 23. August – 16 Uhr

Freitag, 26. August – 20 Uhr

Samstag, 27. August – 20 Uhr

Freitag, 2. September – 20 Uhr

Samstag, 3. September – 20 Uhr

Sonntag, 4. September – 18 Uhr

Freitag, 9. September – 20 Uhr

Samstag, 10. September – 20 Uhr (Dernière)

Hintergrund:

Verlag: Felix Bloch Erben

Autor: Buch und Liedtexte Volker Ludwig

Regie: Saskia Senft

Choreografie: Saskia Senft / Tim Erlmann

Musikalische Leitung: Tim Erlmann

Spielleitung: Maximilian Morlock

(Quellen: Text und Fotos – Frank Albrecht)