Bleistift, Pinsel und Kamera – die Waffen irakischer Künstler

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Kunstverein Arnsberg präsentiert „Tag und Nacht“ – Positionen aus Bagdad

„Die Künstler setzen sich auf diese Art mit der Realität auseinander“, sagt Vlado Velkov, der sich ein eigenes Bild von Bagdad machte. Nach fünf Tagen Aufenthalt in der Hauptstadt des Iraks ist er wieder in Arnsberg – und hat das ein oder andere künstlerische Highlight dabei. Am Freitag, 4. März, 19 Uhr, wird die Ausstellung „Tag und Nacht – Positionen aus Bagdad“ eröffnet. Sie zeigt, wie die jungen Menschen in Bagdad „ihre Welt“ sehen, wie sie es für sich verarbeiten und was sie sich wünschen. Kunst für die reale Welt eben.

Den Fokus der Ausstellung legte der Kunstverein Arnsberg auf die Kultur für Menschen und Orte in einem kriegerischen Ausnahmezustand. Vorgestellt und diskutiert werden daher die Projekte und Ideen der irakischen Künstler und Künstlerinnen, die mitten in Bagdad leben und tagtäglich mit dem Schlimmsten rechnen müssen. Denn trotz existenzieller Gefahren und Sorgen sowie einer fehlenden Infrastruktur und eines prekären Lebensumstandes arbeiten diese weiterhin aktiv an ihren Ideen. „Das ist Kunst aus dem Inneren. Etwas ganz Besonderes. Diese Künstler stellen ihre Werke nicht zum Verkauf in Galerien aus, sondern spüren ein tiefes Bedürfnis, das einfach raus muss“, sagt Vlado Velkov, Kurator im Kunstverein Arnsberg.

Künstler leben nicht von Kunst

Murtada-Faysal-RamadiFrüher habe es auch in Bagdad Ausstellungen und Galerien gegeben, auf denen Künstler und Künstlerinnen ihre Werke zum Verkauf anbieten konnten. Diese Zeiten seien vorbei. Heute leben bereits junge Menschen von Gelegenheitsjobs.

Viele Künstler arbeiten als Kriegsreporter für westliche Medien. Sie fahren in die verschiedensten Kriegsgebiete und fotografieren Kämpfe, Menschen oder auch Ruinen.

Die Ausstellung „Tag und Nacht“ im Kunstverein Arnsberg zeigt die Arbeiten von Murtada Faysal, Marwan Al Adhm, Hussein Adil, Akram Assam, Kadir Fadhel, Abdalrahman Hameed, Laith Karim, Raed Motar, Jumana Ridha, Marina Ridha, Zaid Saad, Dima Ahmed Salem, Ammar Seilm, Bassem Al Tayeb und Karim Wasfi.

Werke, die nicht nur „das Elend des Landes“ zeigen, sondern auch die schönen Seiten des Lebens in Bagdad.

Es ist poetische, experimentelle und leidenschaftliche Kunst.

„Wir haben ein völlig falsches Bild“

Trotz Kriegstrümmer – er habe in diesen fünf Tagen eine ganz andere Welt kennengelernt statt derer, die uns tagtäglich in den Medien gezeigt werde. Bagdad sei eine moderne Stadt und relativ sicher. Er habe viele Palmen, saubere Parkanlagen, ja – sogar ein Riesenrad und viele Spielplätze gesehen. Kinder seien morgens in ihren weißen Hemden zur Schule gegangen. Das Leben normalisiere sich in der Stadt. Selbstverständlich gingen seiner Reise auch viele Recherchen voraus, das Visum dauerte seine Zeit und in der Stadt seien überall so genannte „Checkpoints“, an denen das Militär und die Polizei die Menschen kontrolliere. Auch habe er ein paar Orte meiden sollen – aber ansonsten hätte er sich in Bagdad frei bewegen können. Natürlich sei es immer möglich, dass eine Autobombe hoch gehe oder Ähnliches – aber diese Gefahr bestünde ja mittlerweile überall.

Er sei herzlich und auch mit großer Freude in Bagdad aufgenommen worden – denn sonst gebe es ja kaum noch Menschen aus den westlichen Ländern, die sich ins Land, geschweige denn in die Stadt trauten.

Vlado Velkov: „Wir haben ein völlig falsches Bild vom Irak. Wir haben immer nur Krieg, Bomben und Elend im Kopf, wenn wir an den Irak denken. Doch es steckt viel Leben in Bagdad! Sie verlieren vielleicht Haus, Auto und alles, was materiellen Wert hat. Doch Kultur und Familie sind oft die Dinge, die ihnen bleiben. Diese Ideale lassen sie sich nicht nehmen. Das hat mich beeindruckt!“.

„Keiner sieht ihre Arbeiten“

Obwohl nur wenige Menschen vor Ort ihre künstlerischen Arbeiten sehen, geben sie nicht auf. Sie produzieren ein Werk nach dem Anderen. „Keiner sieht ihre Arbeiten. Es gibt keine Galerien oder Ausstellungen mehr, über die sie ihre Werke auch verkaufen könnten“, erklärt Vlado Velkov. Und das finde er richtig schade.

Die einzige Chance, ihre Werke „in die Welt hinaus“ zu tragen, seien die sozialen Netzwerke im Internet. Facebook, Twitter, Vimeo oder auch Youtube seien die typischen Kanäle, auf denen die Künstler und Künstlerinnen unterwegs sind, um ihre Arbeiten zu zeigen.

Das wird der Kunstverein Arnsberg mit der Ausstellung „Tag und Nacht“ nun ändern – denn dem Kurator ist es gelungen, einige der Kunstwerke mit nach Deutschland zu bringen.

Werke, Dokumente und Gespräche des kulturellen Lebens in Bagdad

Und es hat sich gelohnt. Denn auch wenn die Künstler und Künstlerinnen selbst nicht anwesend sein können, so sind viele Bilder, Fotos, originale Zeitungsseiten sowie viele Gespräche des kulturellen Lebens in Bagdad jetzt im Kunstverein Arnsberg zu finden.

Die Ausstellung ist in enger Zusammenarbeit mit Hella Mewis, Fabian Knecht, dem Goethe Institut Irak und EMCUE e.V. Europe MENA Cultural Exchange entstanden.

Hella Mewis ist eine aus Deutschland stammende Kuratorin des Goethe Instituts Irak und lebt seit einigen Jahren in Bagdad. Sie wird am Sonntag, 6. März, 11 Uhr im Kunstverein Arnsberg sein und gemeinsam mit Vlado Velkov und vielen weiteren begeisterten Kunstfans eine Podiumsdiskussion führen. Jeder ist Willkommen! Die Ausstellung selbst kann noch bis zum 4. April 2016 im Kunstverein Arnsberg betrachtet werden.

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