Die „Heiße Ecke“ auf der Freilichtbühne – mit Händen und Füßen erzählt!

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Das hat es in der über 60-jährigen Geschichte der Freilichtbühne Herdringen noch nicht gegeben! Ein Vorstellung mit Unterstützung zweier Gebärdensprachdolmetscherinnen – was für ein Wort! Die „Heiße Ecke“ einmal anders – und vor allem: Für alle neu und ungewöhnlich – ein Bühnenerlebnis der ganz besonderen Art, das nach dem guten Erfolg später noch einmal eine Wiederholung erfahren könnte…

Die Sonne brennt ohne Gnade auf das Gelände der Freilichtbühne Herdringen herab. Endlich mal – denken nicht nur die Zuschauer! Und mitten drin stehen Nora Bauckhorn und Christina Kirketert komplett schwarz gekleidet auf der Bühne. Ja, bei der heutigen Aufführung haben sich auch rund 30 gehörlose und schwerhörige Theaterbegeisterte auf der Freilichtbühne angemeldet. Sie wollen die Geschichte von Reeperbahn und St. Pauli erleben… und vor allem verstehen. Keine leichte Aufgabe für die beiden Fachfrauen aus Dortmund!

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Ein übersichtlicher Standort für Christina Kirketert (re.) und Nora Bauckhorn auf der Freilichtbühne Herdringen – wichtige Voraussetzung für das Gebärdensprachdolmetschen.

Denn mit der „Hand-zu-Hand“-Propaganda für das aktuelle Erwachsenentheater auf der Freilichtbühne ist es ja so eine Sache. Normalerweise helfen die Gebärdensprachdolmet-scherinnen aus Dortmund bei allen möglichen und unmöglichen Gelegenheiten aus. Ob es um Behördengänge zu Stadt oder Gericht geht, ob geheiratet oder sich geschieden wird. „Wir kommen in allen Lebenslagen zum Einsatz, die für nicht gehörlose Menschen ganz normal erscheinen“, erzählt Christina Kirketert.

Gut zweieinhalb Stunden müssen die Beiden in der prallen Sonne stehen und mit vier Händen gestikulieren. Was für Nicht(s)wissende in Sachen Gebärden wie wildes Herumfuchteln mit Armen und Händen aussieht (was sollte es auch sonst…), hat absolutes System: Eine übernimmt die Männerstimmen, die Andere die Dialoge der Frauen. „Wenn es irgendwie geht, deuten wir zudem auch noch auf die Stimme des Schauspielers, dessen Text wir gerade übersetzten“, erklärt Nora Bauckhorn. Und während sie so gestikulieren, glaubt man gar nicht, dass so ein Einsatz beim Theater eher eine Seltenheit in ihrem Berufsalltag darstellt.

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Während sich die Hände der Dolmetscherinnen flugs bewegen läuft das Stück ganz normal weiter…

„So ein Simultanübersetzen bei einer großen Kulturveranstaltung kommt etwa zwei- bis drei Mal im Jahr vor“, erzählen beide. Und natürlich haben sich beide Frauen richtig intensiv für ihren „Auftritt“ auf der Bühne in Herdringen vorbereitet. Nicht nur das Original-Textbuch wurde dazu aufmerksam gelesen und bearbeitet! Eine Audio-Datei habe geholfen, sich schon einmal auf die Aufführung vorzubereiten. „Und schließlich haben wir das ganze Stück schon einmal komplett durchgespielt und gedolmetscht“, so Christina Kirketert. Auch die Handlung des Stückes wurde für diese Vorstellung so gut wie auswendig gelernt.

Und ihr Einsatz bei der „Heißen Ecke“ machte nicht bei den Dialogen der Handelnden halt: Auch die vielen Gesänge wurden für die gehörlosen Besucher auf der Bühne übersetzt. Wenn es besonders schnell gehen muss, müsse man sich auch schon mal behelfen. „Im Laufe des Stückes bekannt gewordene Namen der Schauspieler werden dann schon mal abgekürzt“, erklärt Nora Baukhorn. Von „Günther“ bleibt so eben nur das „G“ und das „r“ übrig, aber es reiche den gehörlosen Zuchauern, genau zu verstehen wer gemeint ist auf der Bühne.

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Uff, geschafft: Das Anstrengende bei der Übersetzungsarbeit sei nicht die körperliche Anstrengung, sonder die Arbeit im Kopf, sagen Christina Kirketert und Nora Baukhorn.

Bei der besonderen Vorstellung der „Heißen Ecke“  hat man für die Dolmetscherinnen einen besonderen Standort gewählt: Auf der Empore unterhalb des Puffs „Red Banana“ haben beide einen guten Überblick. „Die Distanz zum Publikum ist gar nicht so schlimm“, erklären sie. Alle die Mitlesen wollen, müssten wegen der Entfernungen auf der Bühne halt genau hingucken. Aber das hat wohl bestens geklappt. „Wir bekommen auch stets Rückmeldungen, ob unsere Übersetzung verständlich angekommen ist“, sagt Christina.

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…und das Stück läuft und läuft!

Dann ist es endlich geschafft: Der große Schlussaufzug geht buchstäblich über die Bühne und die ersten Besucher kommen an und auf die Bühne. Händeschütteln, Dankeschön, ein Selfi und Fotos zu dem besonderen Anlass dürfen natürlich nicht fehlen. Erstmal etwas abspannen, bevor man sich mit dem Journalisten unterhält… Nein, körperlich würden beide keine große Belastung verspüren. „Aber die Arbeit im Kopf hat es in sich“, lachen Nora und Christina gemeinsam. Schauen, hören, im Kopf umschalten und Hände und Arme bewegen – keine leichte Aufgabe! Da sei es ganz wichtig, das gerade eben Übersetzte auch sofort wieder aus dem Kopf zu verdrängen und so einfach zu vergessen.

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Soviel Zeit muss sein: In der Spielpause rückt der WDR mit seinem Kamerateam an und interviewt den Vorsitzenden und Mitspieler („Horst“), Thomas Lepping.

Alles gut, und das Gespräch wird hinter den Kulissen der Bühne noch so einiges Male unterbrochen: Schauspieler von der Freilichtbühne kommen und beglückwünschen die beiden Frauen für die buchstäblich gezeigte Leistung vor Publikum. Und Isabell will es dann noch ganz genau wissen: Wie läuft es hier? Was darf man nicht vergessen? Und: Wie geht das jetzt ganz genau? Geduldig werden alle Fragen beantwortet und noch für einige Fotos hinter und auf der Bühne posiert. Dann ist´s gut – Winken und Tschüss-Sagen, Christina und Nora sind wieder auf dem Weg nach Dortmund. Morgen schon wartet die nächste Herausforderung…

Gut zu wissen: Auf der Freilichtbühne Herdringen kommt bald die Sommerpause. Das Familienstück „Kleine Hexe“ ist noch zu sehen am 26. Juni (11 Uhr) sowie am 30. Juni und 5. Juli (jeweils 9.30 und 15 Uhr, 6 Euro auf allen Plätzen). Das Erwachsenenstück „Heiße Ecke“ wird vor der Sommerpause nur noch am Freitag, 8. Juli (20 Uhr) gezeigt. Karten unter Hotline 02932 / 39140 oder im Netz: www.flbh.de

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