Flüchtlingsgeschichte(n) auf großer Bühne: Vorhang auf für den „Wintergarten“!

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Sie wollen sich ausdrücken, sie wollen etwas sagen: Seit rund einem Jahr proben Flüchtlinge zusammen mit deutscher Begleitung ihr eigenes Stück. Unter dem Titel „Wintergarten – Ich will nach vorne schauen“ hat das Stück am kommenden Montag, 7. November, in der KulturSchmiede Arnsberg Premiere. Unter der Regie von Abdulrazzak Shaker sind die noch verbliebenen Mitglieder des Ensembles (Foto, oben mit Musikern und Unterstützern: Albrecht) gut bei der Sache…

Ich sitze auf den gemütlichen Stühlen im Gemeindesaal der Heilig-Kreuz-Kirche auf dem Schreppenberg und will erst mal ankommen. Was ich sehe ist eine lange Gesprächsszene, in der sich zwei Brüder über ihre Flucht unterhalten. Was mir aber erst einige Szenen und Unterhaltungen später klar wird: Der eine Bruder ist real, der andere wohl schon tot. Nur sein Geist ist dem überlebenden Bruder in Erinnerung geblieben. Na, und mit dem findet jetzt als das Gespräch statt.

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Die Brüder Abdulrazzak und Omar Shaker im (fiktiven) Gespräch auf der Probebühne: Am Montag, 7. November, ist Premiere. Fotos: Albrecht

Es ist ein Theaterstück von und mit Flüchtlingen, die hier in der Stadt leben. Ich höre mit echtem Erstaunen die langen Textpassagen, die frei von ihnen auf der kleinen Bühne im Gemeindesaal gesprochen werden und denke mir: Wau, was für eine sprachliche Leistung. Lange Texte und jeder der Schauspieler hat den Ehrgeiz, es möglichst richtig auszusprechen. Keiner ärgert sich über eine Korrektur der anderen Mitglieder des Theaterprojektes, und vielmehr noch versucht jeder seine kleinen Fehler sofort selber zu korrigieren.

Nur mit dem „o“ in Glasglocke will es nicht klappen. „Glasglucke“ – ein freundliches Lachen im Saal, versteht doch nicht jeder diese neue Wortschöpfung. „Glocke“, wird korrigiert – und dann noch ein Versuch: „Glas… glucke“, wieder nichts. Das mit dem „o“ scheint in der arabischen Sprache einfach nicht zu funktionieren. Macht nix, es gibt ja noch genug Gelegenheiten innerhalb und außerhalb des Stückes mit Sprachkenntnis zu überzeugen. Das denkt und sagt auch Lisa Erwig-Mono. Mit dem großen Textordner auf den Knien wacht sie eifrig über den richtigen Textfluss und die Aussprache.

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Eigens eine Choreografie haben die Schauspieler mit Hilfe von Manuel Quero einstudiert.

Langsam werde ich etwas ungeduldig und will doch nur wissen, was, wieso und warum es in diesem Stück geht. Aber Geduld! „Es ist so spannend hier“, flüstert mir Lisa leise ins Ohr, „die können schon so viel Deutsch sprechen, und wir haben noch kein Wort Arabisch gelernt.“ Recht hat sie, denke ich, und höre wie Regisseur Abdul (wie sie ihn hier verkürzt alle nenne) einige Anweisungen an die Schauspieler auf Arabisch gibt. Nur zu gerne würde ich doch jetzt verstehen können, was er da gerade gesagt hat. Aber außer einem „Yalla“ (Auf, auf!) kenne ich nichts aus der anderen Sprache – schon komisch – obwohl ich doch schon so viel gehört habe.

Dann gibt es mir zu Liebe eine Probenunterbrechung, und ich kann die Fragen loswerden, die mir schon seit einigen Minuten durch den Kopf gegangen sind. Also, wie das noch mal mit dem Titel des Stücks „Wintergarten“? Anne Mannstein aus Oeventrop, die auch Teil des spielenden Ensembles ist, lacht und erzählt. „Ich habe Flüchtlinge in mein Haus aufgenommen, zwei Familien waren im Wintergarten untergebracht.“ Es sei sofort eine herzliche Atmosphäre aufgekommen, mit Deutsch und Englisch habe man sich gut verständigen können. Und dann sei ihr auch schon die Idee zum Stück für ein Theaterprojekt mit Flüchtlingen gekommen. Im Wintergarten zuhause habe sich soviel an menschlichem Kontakt abgespielt… „…und plötzlich hatte ich diese Idee: Hinter Glas sitzen und beschützt die Sonne draußen sehen“, erklärt sie.

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Üben, üben, üben… Das tun die beteiligten Schauspieler jetzt schon seit fast einem Jahr. Zur Premiere will man nichts dem Zufall überlassen.

Dass die im realen Leben wirklichen Brüder Abdulrazzak und Omar schon in ihrer syrischen Heimat viel mit Theater zu tun haben, ist eher durch einen Zufall herausgekommen Mit Freuden habe sie über das Projekt gesprochen und sei dann von den jungen Männern, die in ihrem Zuhause leben angesprochen worden. „Du Theater?“ – das sei einst die Frage der Neuankömmlinge in Deutschland gewesen, und sie lacht heute noch darüber.

Regisseur und Autor des „Wintergartens“ Abdul beschreibt das Zustandekommen des Projektes weiter (es hier ganz zu erzählen würden den Rahmen sprengen…). Beide Brüder, die wie gesagt schon Theatererfahrung sammeln konnten, seien über Sonja Essers aus dem Integrationsbüro im Rathaus an Martina Gerdes vermittelt worden. Am Bahnhof habe es dann sozusagen ein „Blind Date“ gegeben, bei dem sich alle das erste Mal gesehen haben. Und so weiter, und so weiter…

„Ich wollte spielen“, erklärte Regisseur Abdul, „hatte aber noch keinen Text!“ Ja, es sei noch besser gekommen: Beim ersten Treffen aller am Theaterprojekt Interessierten seien über 40 Personen da gewesen, die ihre Bereitschaft zum Mitspielen bekundet hatten, aber: Noch immer gab es keinen Text. „Wir haben uns dann zusammen was überlegt“, erinnert sich Anne Mannstein. Da sei doch noch ein Thema gewesen, dass ihre Flüchtlinge in Oeventrop besonders interessiert hatte: Der 2. Weltkrieg, Flucht, Vertreibung und Wiederkommen. Von dem habe sie eine ganze Menge erzählen können, was „ihre“ Jugendlichen ganz besonders spannend gefunden hatten.

Abdul schaltet sich wieder ein: „Wir hatten plötzlich ein Thema für das Stück – Flucht, Krieg, Ankommen in Deutschland!“ Anne Mannstein habe die aktuelle Situation und die Fluchtgründe für Syrer und viele andere immer mit der Situation in Deutschland nach dem 2. Weltkrieg verglichen. „Das Stück verbindet also verschiedene Linien nach Deutschland“, beschreibt Regisseur Abdul und zwinkert mir zu. Gut, soviel habe ich verstanden. Aber, wie ist der „Wintergarten“ denn jetzt auf Papier gekommen. Ah, Abdul hatte den Text für das Stück ganz in seiner Heimatsprache Arabisch und später dann ins Englische übertragen.

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Für die Premiere am 7. November und die Folgetermine am 8. und 9. November, sind die Karten zum Preis von 10 Euro bei „impetto“ zu bekommen. Gespielt wird in der KulturSchmiede.

Englisch, das kann man doch übersetzten haben sich einige aus der Gruppe gedacht, und mit Lisa Erwig-Mono haben noch vier andere den Bleistift in die Hand genommen und alles ins Deutsche übertragen. „Leider ist bei der Übersetzung bestimmt einiges an Inhalt verloren gegangen“, denkt sich Anne Mannstein laut. Aber so seien bei den Proben auch immer neue Aspekte zum eigentlichen Text hinzugeführt worden. „Das hat das ganze aber nicht leichter gemacht“, beschreibt Lisa. „In jeder Szene ist viel diskutiert worden, und wir haben überlegt, wo und wie man die Aussage des Stückes noch etwas stärker machen kann.“ Noch während der laufenden Proben sei das Stück erst zu Ende geschrieben worden.

Bei soviel Arbeit konnte man sich dann noch über unverhoffte Unterstützung freuen. „Zu den Proben für das Stück, die im November schon seit einem Jahr laufen, haben wir Bundesfördermittel aus dem Topf für Integration bekommen“, erinnert sie sich gerne. Stolze 12.000 Euro seien es gewesen, Geld, das für das Zustandekommen des „Wintergartens“ eine wichtige Unterstützung war. Schnell sei klar gewesen, dass man sich regelmäßig (einmal in der Woche) treffen musste und hat sich professionelle Unterstützung aus dem Theaterbereich geholt. Mit Silas Eifler als musikalischer Leiter, Manuel Quero für die Choreografie und der Erfahrung des Theatron Theater von Yehuda Almagor fand sich schnell ein fähiges Team. Abdul hatte schon bei seinem Theaterstück „Utopia“ mitgespielt – und der Kreis der Theaterinteressierten konnte sich wieder schließen.

„Ich habe in der Entwicklungsphase des Wintergartens lange die Unsicherheit bei den Spielern gesehen“, sagt Regisseur Abdul. Und so sind von den 40 einst begeisterten Spielern nicht alle geblieben. Man habe in allen Unterkünften der Stadt für eine Beteiligung am Projekt geworben und auch einige gefunden. „Wir haben jetzt ein Jahr eng zusammen gearbeitet, was machen wir danach“, fragt sich Mitorganisatorin Nadja Jahn mit etwas Sorge…

Doch das ist jetzt erst einmal Nebensache. Fest im Blick habe alle, deren Engagement derzeit noch als „Theaterprojekt“ ohne festen Namen läuft, die Premiere ihrer über einjährigen Bemühungen am Montag, 7. November…

Gut zu wissen: Theaterstück „Wintergarten“, Premiere Montag, 7. November, KulturSchmiede Arnsberg, 19.30 Uhr (Einlass 19 Uhr). Karten im VVK (10 Euro) bei impetto Arnsberg, Clemens-August-Straße 15, Tel. 02931/545054.

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