Großhirn vieler Autofahrer schaltet sich beim Fahren aus: Erheiternde Erkenntnisse rund um das traurige Phänomen „Stau“

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Es hätte nicht treffender laufen können: Der angekündigte „Staupapst“ Prof. Dr. Michael Schreckenberg musste sich zu Beginn seines Vortrags bei der KKV Hüsten für ein paar Minuten entschuldigen lassen – er stehe im Stau (Foto, oben: Albrecht/Archiv), ließ er wissen… Schmunzeln auf den Gesichtern der vielen Zuhörer, rund 60 Gäste hatte sich den interessant anmutenden Vortrag im Petrus-Haus nicht entgehen lassen wollen. Wann schließlich darf man sich ein für die Welt typisches Phänomen schon einmal aus erster Hand erklären lassen? Dass Erklärungen aber leider nicht weiter reichen, wenn es darum geht den Stau zu umfahren oder gar ganz zu vermeiden, das brachte der leicht verspätete Referent gleich in seinen Auftritt mit.

Dem Stauforscher der Uni Duisburg-Essen war der Weg für seinen Vortrag bereitet, und Peter Gawenda von der KKV Hüsten konnte einen langjährigen Freund und Bekannten begrüßen, der auf Einladung einen Abstecher nach Hüsten gemacht hatte. Hier warteten seine Zuhörer auf die nackten Fakten – mussten sich aber erst einmal etwas gedulden: Ausführlich beschrieb der Referent seine Verstrickungen, als Düsseldorfer den Zugleiter des Kölner Karnevals abgeben zu wollen. Und Prof. Schreckenberg sparte nicht mit der ersten Kritik – von vielen. Von falschen Ansätzen bei der LKW-Maut, den missglückten Absichten des Blitzmarathons bis zu ethischen Fragen des autonomen Fahrens im Auto reichte das Spektrum.

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KKVler aus Hüsten (Hans-Helmut Schulte, Heiner Vogel und Peter Gawenda lauschten interessiert den Einlassungen von Stauforscher Prof. Dr. Michael Schreckenberg (re.). Fotos: Albrecht

Mehr Kritik und Fragen als Vorschläge – so näherte sich der Stauforscher dem eigentlichen Thema. „Was kostet der Stau?“, endlich die Frage, auf die die Zuhörer im Saal gewartet hatte. Und als hätte es nicht jeder schon geahnt – Stau ist ganz schön teuer… Je nach Stundensatz der Im-Stau-Steher rechnete Schreckenberg vor: Vier Kilometer Stau auf zwei Spuren, über eine Dauer von 3 Stunden – das, so Schreckenberg, koste die Gesellschaft zwischen 50 und 100.000 Euro.

Apropos Kosten: Es sei doch ein Verkehrsparadox, rechnete Schreckenberg vor. Wenn jeder Autofahrer für seine eigenen Verstöße die geforderte Buße zahlen würde, könnte der Staatshaushalt mit rund zwei Billionen Euro mehr rechnen. Ein fehlen dieser Finanzmittel und die Aussicht auf noch weniger Bußgelder bei stärkerer Durchsetzung des „autonomen Fahrens“ (weil sich ja alle gesteuerten Autos an die Geschwindigkeitsbegrenzungen halten würden/müssten) und schon vermutete Prof. Schreckenberg den Grund für das Bremsen des neuen Verkehrskonzeptes.

Weiter Kritik des Gelehrten an falsch oder unsinnig aufgestellten Schildern, dann ging es zum eigentlichen Thema zurück. Der Ausbau der Autobahnen sei noch nicht am Ende, so Schreckenberg weiter. Im Jahre 1935 mit nur 108 Kilometern Streckenlänge begonnen, habe man bis 2016 das Streckennetz der Bundesautobahnen auf eine Gesamtlänge von 12.950 Kilometern ausgebaut. Doch das, so der Verkehrsforscher, sei noch nicht das Ende. 22.000 Kilometer Autobahn seien geplant. Und im Durchschnitt habe sich bis heute die Länge der Autobahnen alle 20 Jahre verdoppelt. Zukunft ungewiss…

Wer bremst ist vielleicht nicht feige, aber er ist auf jeden Fall ein Auslöser für den Stau auf Autobahnen, so Prof. Schreckenberg. Die Überreaktion so mancher Autofahrer sei schuld, und überhaupt: „Autofahrer denken immer nur nach vorne“, so Schreckenberg. Was durch ihr Fahrverhalten hinter ihnen auf der Strecke passiere, interessiere sie  nicht.

Fragen über Fragen stellte Prof. Michael Schreckenberg seinem Publikum. Ob die nach der ersten Ampel (1868 in London und 1924 in Berlin), oder die nach der Farbgebung für das Blau-Licht… Die Zuhörer ließen sich auf die munterere Fragestunde rund um Stau und Autofahren ein, und sie erfuhren, dass es in Sachen Blau-Licht etwas mit dem sichtbaren Farbspektrum der Menschen zu tun hat.

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Technisch und wissenschaftlich – der Vortrag unter dem Motto „Wer den Stau auslöst, steht nie selber ´drin“…

„Ich will mit verschiedenen Mythen rund um den Verkehr aufklären“, so die erklärte Absicht des Stauforschers. Ein Mythos sei das Rufen nach einer Geschwindigkeitsbegrenzung auf der Autobahn, die helfen könne, Staus zu verhindern, es aber doch nicht leisten könne. Nach rund 60 Minuten hatte man die Absicht des Forschers offenbar durchschaut – Informieren und Unterhalten, ja – das muss es sein! Und nach einer Stunde kamen auch endlich die erhofften knallharten Zahlen auf den Tisch bzw. auf die Leinwand: 528 Milliarden Kilometer, die Eine für das gesamte Stauaufkommen in Deutschland. 535.000 Jahre die Andere, beziffert die Lebensjahre, die anhand der stehenden Stunden im Stau verbracht werden.

Ursachen dafür konnte Prof. Schreckenberg natürlich auch ausmachen. Zu viele Autos in Deutschland, statistisch gesehen 1,53 Autos auf jeden Einwohner und die große Zahl von 16 Millionen Neuzulassungen jedes Jahr, das also sind die Mitschuldigen am drohenden Verkehrsinfarkt in Deutschland. Abhilfe leider nicht in Sicht.

Ob sein vernichtendes Urteil an der Entwicklung des elektrischen Antriebs für Autos, für die es auf der Welt gar nicht genug Lithium gebe. Oder die Kritik Prof. Schreckenbergs am so genannten autonomen Fahren – nichts sei richtig ausgereift. Und für die Zuhörer wurde es dann auch noch richtig wissenschaftlich: Das philosophische Gegenspiel von „Konsequentialismus und Deontologismus sei für die weitere Entwicklung selbst fahrender Autos noch nicht geklärt. Konflikte im Verkehr seien vorprogrammiert: Was tut so ein Auto bei durchgezogener Linie und einem Hindernis auf der Fahrbahn? „Es bleibt einfach stehen und übergibt die Führung an den Fahrer zurück“, so der Professor. Und der – vielleicht schon über 80 Jahre alt – solle das Verkehrsproblem dann lösen… Fragezeichen!

Bis zur Einteilung von Autofahrern in drei Typen und dem Blick in das Gehirn: Beim Autofahren schaltete sich das Großhirn vieler Fahrer ab. Und die Unfallstatistik lege noch einen ´drauf: Ein höherer Bildungsgrad biete keinen Schutz vor einen Unfall. Unaufmerksamkeit wie vor allem die Nutzung des Handys oder Smartphones und den Zeitstress vieler Verkehrsteilnehmer wertete der Lehrstuhlinhaber „Physik von Transport und Verkehr“ an der Uni Duisburg-Essen als die Hauptursachen.

Ja, die Zukunft der Mobilität – das war zum Schluss der unterhaltsamen 90 Minuten noch ein großes Thema, dem sich der Professor aus wissenschaftlicher Sicht zusammen mit seinen Zuhörern in einer Diskussionsrunde näherte. Dem individuellen Auto gab Schreckenberg keine guten Zukunftsaussichten, viele junge Menschen hätten sich schon vom individuellen Verkehr abgewandt: Ein Auto, das an 23 Stunden des Tages still stehe, koste mehr als es Nutzen bringe! Viel sinnvoller – und als hätten wir es nicht schon längst gewusst – sei der öffentliche Verkehr. Neue Projekte, über die jetzt bereits beraten werde, planen eine Form des „individuellen öffentlichen Verkehrs“ – eine Art Taxi, das aber wohl kein Taxi ist.

Dass sich der Verkehr im Laufe der nächsten Jahre noch deutlich verändern werde, daran ließ Prof. Schreckenberg keinen Zweifel. Allein schon die Energieversorgung für den Individualverkehr werde zu einer Veränderung beitragen. Deutschland, so ließ der Professor seine Zuhörer mit Fragen in den Gesichtern zurück, werde dabei aber nicht die entscheidende Rolle spielen. „Die Musik in Sachen Auto spielt in China…“, so Schreckenberg zum Abschluss und war dann auch schon wieder verschwunden… Mit dem Auto!

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