“Ohne Hoffnung könnte man … einfach sterben”

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„Syria Mobile Film Festival“ zeigt Wahrheit im Hüstener Kulturzentrum

Ich könnte vom traurigen und hoffnungslosen Blick Husseins erzählen, dessen Hände von einer Clusterbombe zerfetzt wurden. Ich könnte erzählen, wie er sich beim Schreiben in der Schule quält. Oder wie er völlig apathisch zu weinen beginnt, weil ihm alles zu viel wird. Ich könnte aber auch von seiner Mutter erzählen, die sich macht- und hilflos fühlt. “Ich kann ihn nicht behandeln”, sagt sie.

Auch habe ich lange überlegt, ob ich die Geschichte “des kleinen Architekten” erzähle, der den ganzen lieben Tag lang die bombardierten Straßen in seiner Stadt fotografiert, um sie am Ende gemäß seinen Visionen, architektonisch in Szene gesetzt mit Papier, nachzubauen. Der Junge sammelt sogar zerbrochene Steine. “Dieser tötete meinen Lehrer”, sagt er.

Vielleicht wäre auch das Interview mit dem gezeichneten Abd das Richtige, um auf das Leid in Syrien aufmerksam zu machen. Abd verarbeitet seine Erfahrungen mit der Kunst. Er wurde von einer Rakete getroffen – sein Bein musste amputiert werden. Gemeinsam mit anderen Betroffenen realisiert er Mosaikwerke in einem Artstudio. “Das gibt mir Vertrauen. Ich fühle meine Existenz”, sagt er.   

Diese und viele weitere Eindrücke brennen sich regelrecht fest. Wecken Betroffenheit. Rütteln wach. Denn was uns das “Syria Mobile Film Festival” zeigt, ist alles andere als ein “Luxusproblem”. Es sind Geschichten all derjenigen, die sich ein sicheres Leben in Freiheit wünschen. Derjenigen, die mitten im Krieg leben. Geschichten von Menschen, die ihr Leben in den Trümmern des Landes aufs Spiel setzen, um eine Perspektive für die Zukunft zu schaffen.

Filme über die brutale Realität in Syrien

Elf Kurzfilme zeigen, warum so viele Menschen aus Syrien fliehen. Wieso sie ihre Heimat verlassen. Sie zeigen, vor welcher realen Gewalt die Menschen flüchten. Und wie sie sich als Flüchtling in einem fremden Land fühlen. Das Besondere daran ist, dass die Filme mit Smartphones gedreht wurden – heimlich in Gebieten, in denen weder das Regime, noch der IS vor Ort sind. Denn das freie Filmen stellt eine lebensbedrohliche Gefahr dar. Kaum vorstellbar in Deutschland – im 21. Jahrhundert, wo Fotos und Videos zum Alltag eines jeden gehören. Und genau deshalb möchte ich den Mut und die Hoffnung der Filmemacher in den Fokus rücken.

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Klaus Kaiser (v.li.), Siamak Nejadnourifar, Amer Matar und Samawal Karkoutly während der Podiumsdiskussion im Anschluss an das 90-minütige Filmfestival.

“Die Menschen, die jetzt noch in Syrien leben, haben Hoffnung. Und auch die Filmemacher, die selbst Syrer sind, haben Hoffnung”, so Amer Matar. “Ohne diese Hoffnung könnte man … einfach sterben!” Sie hätten die Hoffnung, dass es irgendwann einen Tag gäbe, an dem keine Menschen mehr getötet würden – ohne Regime, ohne IS. Einen Tag, an dem das Leben besser wäre. Genau dieser Hoffnung geben sie mit ihren Kurzfilmen eine Plattform. Siamak Nejadnourifar, iranischer Filmemacher, der im Jahr 2015 ebenfalls als “Flüchtling” nach Arnsberg kam, bestätigt dies und ergänzt: “Wir können auf diese Art und Weise den menschlichen und kulturellen Austausch fördern. Zwischen Menschen aus Deutschland, aus dem Iran, aus Syrien, aus Afghanistan und so weiter. Ich denke, dass das sehr gut über Filme, über Kunst, möglich ist”.

Um diese Kurzfilme “sicher” drehen zu können, wurden mehrere Menschen vor Ort extra dafür trainiert. Denn wenn heute noch jemand filme, dann mit versteckter Kamera – alles andere sei zu gefährlich, erklärt Amer Matar den Gästen im Kulturzentrum. Wenn man einmal bedenkt, dass Syrien das gefährlichste Land für Journalisten ist (Platz 177 von 180 in der Rangliste der Pressefreiheit – Reporter ohne Grenzen) und bislang im Bürgerkrieg mehr als 130 Medienschaffende (überwiegend Bürgerjournalisten) gestorben sind, kann man sich vorstellen, wie gefährlich es für Journalisten und Filmemacher ist, über die Wahrheit vor Ort zu berichten. Diese Journalisten sind keine “Headline-Jäger” und “Klick-Junkies” – wie ich sie gerne nenne. Für sie bedeuten Journalismus und Kunst mehr: Hoffnung!

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Amer Matar am Sonntag, 5. Juni 2016, im Kulturzentrum Neheim-Hüsten beim „Syria Mobile Film Festival“.

Amer Matar, Journalist, Menschenrechtsaktivist und Koordinator des “Syria Mobile Film Festivals”, ist der Botschafter der Wahrheit. Die Wahrheit der Realität, die viele Menschen nicht kennen (… oder vielleicht auch nicht kennen wollen). Als junger Journalist schrieb er für eine verbotene libanesische Zeitung und war kultureller Journalist für die Zeitung Al-Hayat in Damaskus. Auch ist er Mitbegründer der Organisation Al-Schari (Die Straße), die sich für freiheitliche Medien und Entwicklung einsetzt. Von Beginn an begleitete er den Aufstand, der sich bereits 2010 in Syrien aufstellte. Besonders interessiert ihn der Zusammenhang zwischen Kunst und der aufständigen Bewegung in Syrien. Amer Matar wurde 2011 zweimal vom syrischen Geheimdienst festgenommen – dort verhört und gefoltert. 2012 gelang ihm mit Hilfe der Heinrich-Böll-Stiftung die Flucht aus Syrien. Als Exil-Journalist veröffentlichte er in der Folgezeit mehrere Werke.

Doch er versteckt sich nicht – ganz im Gegenteil: “Wir wollen Filme drehen, um unsere Realität zu zeigen!”, erzählt Amer Matar und bedankt sich in gleichem Atemzug beim Bürgermeister Hans-Josef Vogel und bei dessen Ehefrau, die das Event im Kulturzentrum erst ans Laufen brachte. Eine Organisation innerhalb so weniger Tage, so Amer Matar, sei in Syrien niemals möglich gewesen. Man könne einfach so bombardiert werden. Die Besucher kämen dort heimlich und nur via Mundpropaganda.

Mein Fazit – kurz und knapp: Als Frau, Mutter, freie Journalistin UND MENSCH bin ich froh, in eine Demokratie hineingeboren worden zu sein. Zu schwer fiele es mir, auf Freiheit zu verzichten und stets mit Todesangst zu leben. Ich würde flüchten … und hoffen!

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