Strumpuffhose und Trampelpaff (3): Speedy – ein Freund auf vier Pfoten

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Es liegt schon eine gewisse Trägheit in der Luft – ob es darum geht, das Heft und einen Stift herauszuholen oder in die zugeteilte Klasse wie auch in die Pause zu gehen. Oft läuft es getreu dem Motto: Komme ich heut´ nicht, komme ich morgen. Doch es gibt einen, der die Kinder und Jugendlichen innerhalb von Sekunden auf Trab bringt: Speedy!

„Ahhhhh! Ihhhhh! Ohhhhh!“, als Speedy das erste Mal den Klassenraum betritt, kann ich gar nicht so schnell schauen, wie die Jungen und Mädchen auf den Stühlen stehen. Nur wenige bleiben auf ihrem Hintern sitzen – regungslos! Verwirrt blicke ich auf dem Boden hin und her – suche das kleine Mäuschen oder die ekelige Ratte. Okeyyyyyy, denke ich und wende mich mit fragendem Blick den jetzt einen halben Meter größer als ich erscheinenden Schüler/innen zu. „Was ist los?“, möchte ich wissen. Schließlich ist Speedy nur ein Hund – ein zuckersüßer, liebevoller Labrador, der heute mit seinem Frauchen, unserer ehrenamtlichen Unterstützung im DaZ, die Klasse besucht. Im Moment ist es jedoch eher schwierig, eine Antwort zu bekommen – zu aufgeregt und aufgelöst sind sie.

Also stellt Nicole sich und ihren vierbeinigen Freund erst einmal vor. Speedy ist ein fünf Jahre alter „Therapiehund“, der Kinder unheimlich mag. Mit relaxter Haltung schaut er sich das Spektakel auf den Stühlen um ihn herum an – so als jucke ihn nichts. Unser Hund hätte schon längst seinen Schwanz eingezogen, auf den Boden gestrullert und bedröppelt vor der Tür gestanden, denke ich und schaue mich in der Klasse um. Vielleicht wäre er auch wie ein Wilder in der Klasse herumgelaufen – ebenso wie die Kids gerade. Denn Speedy lässt es sich nicht nehmen, gemächlich unter den Tischen umherzustreifen. So viele Eindrücke wollen ja auch erst einmal verpackt werden.

Nadim und Yasin sind mutig – trauen sich als erste, Speedy näher zu kommen und über den Kopf zu streicheln. Der dann folgende Gang zum Waschbecken bleibt mir natürlich nicht verborgen. Warum waschen sie sich ausgerechnet jetzt – mitten im Unterricht – die Hände? Mittlerweile haben sich auch die anderen Schüler/innen wieder auf ihre Stühle gesetzt, lassen Speedy jedoch keinen Moment aus den Augen. Es wird ruhig. Auf diesen Moment habe ich gewartet. Denn jetzt kann ich sie ermuntern, Nicole Fragen über ihr Haustier zu stellen – natürlich in ganzen Sätzen. Neugierig beginnen sie: Wie alt ist Speedy? Was frisst Speedy? Und auch wenn die Blicke nach wie vor ein wenig ängstlich erscheinen, zeigt die Klasse Interesse an diesem doch recht großen Haustier. „Ich mag nicht Hunde“, gibt Junis zu. „In Syrien wir haben Katze!“

Junis ist der älteste Schüler in der DaZ-Klasse und beschäftigt sich nicht nur damit, was derzeit in seinem Heimatland Syrien los ist, sondern auch mit der deutschen Kultur – und dazu gehört es eben, dass der Hund als Freund des Menschen angesehen wird. Er ist es auch, der mir erklärt, warum sich Nadim und Yasin nach dem Streicheln des Hundes die Hände gewaschen haben: In der Religion gelte der Hund als „unsauber“. Haben die anderen Kinder und Jugendlichen deshalb so viel Angst vor Speedy?, frage ich mich. Doch das glaube ich nicht – denn nachdem wir unsere soeben gewonnenen Informationen über Speedy mit kurzen Sätzen in unser Heft geschrieben haben und nur noch fünf Minuten bis zur großen Pause bleiben, zücken die ersten Mädels ihr Smartphone und schauen uns zögernd an. Noch bevor ich sie auf das Handyverbot hinweisen kann, stehen sie auch schon um Speedy herum. Sicherlich wollen sie Selfies mit Speedy machen – sollen ´se mal!

Speedy lässt sich derweil von nichts aus der Ruhe bringen, liegt urgemütlich auf dem Bauch und schaut irgendwie sogar gelangweilt drein. Schnell noch die Haare in Position gebracht, der Schmollmund aktiviert und ZACK – fertig ist das neue Highlight in der Bildergalerie. Schade, dass der schwungvolle Sprung an die Seite, sobald Speedy auch nur seinen Kopf bewegt, nicht auf den Fotos zu sehen ist. Auch die jüngeren Schülerinnen, Ashura, Aleyna und Abrar, trauen sich jetzt näher an den vierbeinigen Exoten heran – jedoch nur, soweit er sich nicht bewegt. Ein Augenaufschlag reicht, um auch sie zu akrobatischen Glanzsprüngen zu bringen.

Inzwischen haben wir uns entschieden, nach der großen Pause gemeinsam mit den Schüler/innen einen kleinen Spaziergang mit Speedy an der Ruhr zu unternehmen. Also stellen wir uns fein in Zweierreihen auf, leinen Speedy an und trotten los. Der ums Eck liegende RuhrtalRadweg ist jetzt genau das richtige Ziel, um ein wenig frische Luft zu schnappen und den Kopf frei zu bekommen. Nicht nur für die Kinder und Jugendlichen, deren Kopf vor lauter neuen deutschen Wörtern zu platzen scheint, sondern auch für uns. Der Job kann ganz schön anstrengend und einnehmend sein – denn auch Zuhause schwirren einem die unterschiedlichsten Gedanken durch den Kopf. Insbesondere dann, wenn es darum geht, den Kids und Teens auch außerhalb der Schule bei der Integration zu helfen. Naja – jedenfalls tut der Spaziergang uns allen gut! Insbesondere Nadim, der den gesamten Weg über Speedy an der Leine hält – wer da gerade mit wem unterwegs ist, habe ich allerdings noch nicht ganz herausgefunden.

Zurück in der Klasse versuche ich mich wieder den Satzgliedern zu widmen – gar nicht so einfach, denn der tierische Besucher ist nicht nur ein „gutes Mittel“ praktisch Deutsch zu lernen, sondern auch ein Magnet für die Augen der Schüler/innen. Echt schwierig, da Subjekt, Prädikat und Objekt ins Spiel zu bringen. Obwohl …! Kaum habe ich ausgesprochen, dass sie sich einfache, kurze Sätze ausdenken und diese dann an die Tafel schreiben sollen, steht Mina vor mir. „Nadim liebt Speedy“, schreibt sie in die übersichtliche Tabelle, was dieser schnurstracks bestätigt. Er scheint sich besonders an Speedy gewöhnt zu haben. Natürlich kommen auch immer wieder neue Fragen auf, die Nicole den jungen Menschen beantworten muss: „Was ist das?“, fragt Aleyna interessiert, während sie auf Speedys Ohr deutet. Sie meint die kleine schwarze Zecke, die auf dem blonden Fell natürlich sehr gut zu erkennen ist. Und weil sie sich immer noch schwertut, sich unsere Namen zu merken, wird Nicole schnurstracks in „Frau Speedy“ umgetauft.

Mittlerweile hat sich die gesamte Klasse an die Besuche von Speedy und den neuen Namen von Nicole gewöhnt. Sie führen ihn an der Leine durch die Klasse, möchten mit ihm in die Pause gehen und freuen sich jedes Mal, wenn „Frau Speedy“ kommt. Denn sie wissen: Frau Speedy kommt nicht allein. Und dennoch ist der ein oder andere immer noch zu sportlichen Höchstleistungen bereit, sobald ihr neuer Freund auf vier Pfoten den Raum betritt. Speedy ist zu einem echten Gewinn für den DaZ-Unterricht geworden. Auch wenn er nicht immer dabei sein kann – schließlich werden es auch ihm trotz relaxtem Gemüt irgendwann zu viele Hände, die um ihn herumwirbeln.

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