St. Pauli – Reeperbahn zieht in Herdringen auf die Bühne

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„Heiße Ecke“ auf der Freilichtbühne in Herdringen? Das geht – und wie! Immer wieder war im Vorfeld der Proben und Vorbereitungen auf der Freilichtbühne von den Vorbildern des Stückes aus Hamburg gesprochen worden. Immer wieder haben sich Schauspielerinnen und Schauspieler in die ihnen unbekannten Rollen auf der Bühne versetzt und die Melodien und Lieder der „Heißen Ecke“ mitgesungen. Und alles nur, um die den weit mehr als 700 Premierengästen zum besonderen Anlass des Premierenjubiläums auch eine entsprechend tolle Show zu liefern. Um es vorweg zu sagen – sehr gelungen!

Schon das Bühnenbild hat es in sich – einfach und doch ganz klar strukturiert. Immer im Mittelpunkt der Imbiss – die „Heiße Ecke“, der stets zum Dreh- und Angelpunkt für die Charaktere auf der Bühne wird. Bei „Carmen“ (Andrea Köstens), „Hannelore“ (Vera Guntermann) und „Elke“ (Linda Schmidt) – den drei Damen vom Grill – lässt man es ´raus, weint man(n) sich aus! Zum spanischen Nationalstolz von „Carmen“ („Ich habe eine Akzent…?“), den sie über mehr als zwei Stunden immer wieder zur Sprache mit einem herrlichen spanischen Beiklang bringt, bis zu den frechen und deftigen Sprüchen der „Hannelore“, die in der Bude auf der Bühne garantiert kein Blatt vor den Mund nimmt. Da fehlt nur noch die brave Studentin „Elke“ als Imbiss-Hilfe, die alle ihre Gäste doch stets mit Handschlag begrüßt.

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Dreh- und Angelpunkt der ganzen Geschichte: Der Imbiss auf der Reeperbahn – die „Heiße Ecke“ mit ihren freundlichen Damen.

Diesen quirligen Damen während des ganzen Stückes an die Seite gestellt ist der „Engel von St. Pauli“ (Thomas Lepping). Ein Engel, den man sich anderes als in einem hässlichen Bademantel mit Badeschlappen vorstellen würde! Und einer, der sich aber mit seiner Fernbedienung zum Meister über die Zeit auf der Bühne aufschwingt. Ein Engel, der – sozusagen als „Running Gag“ – während der gesamten Aufführung nicht müde wird, seinen Witz vom Hamster und seinen schmuddeligen Schmuddelheften jedem zu erzählen, der ihn ganz bestimmt nicht hören will. Wie schön eigentlich, dass er damit erst zum Ende der Show auf St. Pauli in Herdringen fertig wird. Denn immer dann, wenn Zuschauer denken, die ein oder andere Stelle sei mal nicht zum Lachen, setzt er schon wieder mit dem Witz an… um gleich jäh unterbrochen zu werden. Allein sein Durchhaltevermögen ist schon einen Applaus wert, den das tolle Publikum der gesamten Aufführung auch immer wieder zollte.

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Die „Transen“ von der heißen Ecke – hier schon nach der Show: Gloria, Steffi und Trixi…

Während viele Schauspieler häufig in andere Kostüme und Rollen schlüpfen müssen, können diese Drei ihrem gelungenen Outfit treu bleiben: Die Transen „Gloria“ (Rainer Henning), „Steffi“ (Raimund Schmidt) und „Trixi“ (Martin Groß)! Ihr Auftritt auf der Bühne, ihre mit Pailletten besetzten Kleider und erst recht ihre Stöckelschuhe in Männergrößen rissen nicht nur die weiblichen Zuschauer an der Bühne zu ersten Pfiffen und Begeisterungsrufen hin. Wie schön, sie bei der Anmache von neuen Touristen auf St. Pauli zu sehen, wie traurig, sie am Imbiss von Carmen, Hannelore und Elke weinend zu erleben!

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„Eeen Bier, eeen Korn – Porn!“ – Ja, auf der Reeperbahn in Herdringen lässt es sich den Junggesellenabschied trefflich feiern!

Gleich ins Herz geschlossen haben die Zuschauer in Herdringen auch die Jungs (und tragisch auch Mädchen) vom Junggesellenabschied, der sie bestimmt aus einem kleinen Dorf im Sauerland in die große weite Welt nach Hamburg geführt hat. „Micki“ (Dirk Winkler), „Frank“ (Matthias Klopsch) „und Pitter“ (Benno Schmidt) überzeugen auf der ganzen Linie. Die „Prolls“ aus der Provinz haben auch den richtigen Spruch für ihre Tour nach Hamburg bereit – „Eeen Bier, eeen Korn – Porn!“ – werden sie vor dem Publikum nicht müde zu skandieren und leisten sich so rund um den Imbiss, die „Heiße Ecke“, eine peinliche Szene nach der anderen. Auf der Jagd nach einem Abenteuer in der Großstadt machen sie Frauen an und werden – oh Schreck! – von den Transen angemacht.

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Schön anzusehen… und ihre losen Sprüche klingen noch besser: Die Prostituierten von St. Pauli – Reeperbahn.

Ja, und was wäre den die Reeperbahn, ohne sie! Die Prostituierten, die sich für die „Heiße Ecke“ ganz nach ihrem persönlichen Mut in wahrlich heiße Kostüme geworfen haben! „Sylvie“ (Roswitha Doehn), Nadja (Elisabeth Kroner), „Natascha“ (Annika Esteban Harms) und „Martina“ (Saskia Senft) und ihre Kolleginnen aus dem „Red Banana“ geben der „Heißen Ecke“ so richtig Pfiff. Wenn sie nicht in ihrem gekonnt auf der Bühne verbauten Bordell auf Kundschaft warten, dann sind sie ein Teil der gelungenen Choreografie, um die sich Regisseurin Patrica Hoffmann und Gesangscoach Tim Erlmann wieder einmal mit Bravour gekümmert haben.

Nicht nur die Kostüme der Damen des „horizontalen Gewerbes“, sondern gerade auch ihre Show auf der Bühne und ihre gespielte Langweile ob der ausbleibenden Kundschaft im Bordell gibt dem Stück in Herdringen noch einen weiteren „Drive“. Dabei bieten sie nicht immer nur Stellen zu Lachen an – gerade auch in der Choreografie, die sich mit ihren wirklichen Wünschen und Träumen nach materieller und sozialer Sicherheit im Spannungsfeld zur Realität im Bordell beschäftigt, wird die schauspielerische Leistung aller Akteure deutlich.

Rund 60 Darsteller in großen und kleinen Rollen – dem St. Pauli-Penner „Kurt“ (Christian Albrecht), dem spießigen Ehepaar Lotte (Andrea Wirth) und Günther (Georg Plümpe), den St. Pauli-Polizisten, Werbefuzzis, Abiturienten, Damen vom Junggesellenabschied, dem lustigen Panflöten-Unterhalter „Jimmy“ im Poncho (Joseph Weingarten) und nicht zuletzt den Müllmännern mit ihren (LED-beleuchteten) Besenchoreografie und, und, und. Sie geben der „Heißen Ecke“ ihre eigene, ganz besondere Ausstrahlung. Dass sich nach mehr als zwei Stunden Bühnenshow in Herdringen die Geschichte von den Menschen und ihren Schicksalen in St. Pauli/Herdringen wieder zu einem großen Ganzen zusammenfügt, ist am Ende doch eigentlich nur Nebensache!

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„The same procedere…“ – Taxifahrer „Klaus“ (Martin Guntermann) will seine Frau hinter der Theke wieder mit einem Gedicht begeistern.

Einigen Kritikern an manch´ derben Sprüchen und Handlungen auf der Bühne in der Provinz zum Trotz bleibt aber nach über zwei Stunden vortrefflicher Unterhaltung nur das Lob für den Mut, das leicht schlüpfrige Stück auf die Bühne nach Herdringen zu holen. Schauspiel, Musik und Tanzchoreografien überzeugen auf der ganzen Linie – und sie machen Hoffnung auf eine bestens besuchte Saison auf der Freilichtbühne Herdringen, die sich schon jetzt über eine riesige Zahl an Vorbestellungen – für Erwachsenenstück „Heiße Ecke“ und das erst noch kommende Familientheater „Die kleine Hexe“ (Premiere am Samstag) freuen kann!

Schon am kommenden Samstag (4. Juni) fällt auf der Bühne in Herdringen erneut der sprichwörtlich Vorhang zur nächsten Premiere, der 101. : Mit über 90 – vor allem jungen Darstellerinnen und Darstellern – und zauberhaften Kostümen kommt dann „die kleine Hexe“ auf die Herdringer Bühne geflogen…

Karten für die „Heiße Ecke“ und „Die kleine Hexe“ sind an der Bühne zu bestellen. Das Kartentelefon hat geöffnet!

Gut zu wissen: Freilichtbühne Herdringen – Saison 2016; Familienstück „Die kleine Hexe“ (Premiere am 4. Juni) – Erwachsenenstück (ab 12 Jahren) „Heiße Ecke“ (Premiere war am 28. Mai). Kartentelefon 02932/39140 (mo. bis fr. 9 bis 12 Uhr und 14 bis 17 Uhr, sa. und so. 10 bis 12 Uhr), Karten per Mail an „karten@flbh.de“. Alles Infos zum Programm in der Saison (u.a. über ausverkaufte Vorstellungen) im Netz: www.flbh.de

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