Strumpuffhose und Trampelpaff (2): Mensch, ärgere dich nicht!

Strumpuffhose und Trampelpaff - Mensch ärgere dich nicht

„Strump…, Strumpu, … Strumpuffhose“ – es will Ashura einfach nicht über die Lippen gehen. Ich wiederhole <Strumpfhose> und deute mit dem Finger auf meinen Mund. Total konzentriert folgt sie meiner Lippenbewegung und versucht es erneut: „Strumpu…, Strumpuff…“ – keine Chance. Langsam wird sie ungeduldig, immer wieder beginnt sie mit dem Wort von vorn. Ihr Lächeln verwandelt sich nach und nach in einen eher verkrampften Gesichtsausdruck. Doch aufgeben will sie nicht!

„Mach mal so: brrrrrrrrr“. Vielleicht hilft ihr das Lippenflattern, um sich erneut auf den Versuch einzulassen, denke ich und siehe da: „Strumpfhose.“ Geschafft! Freudestrahlend schaut sie mich an, bevor sie ihren Text mit einem breiten Grinsen weiterliest. Doch bereits einige Zeilen später – die nächste Hürde: Trampelpfad. Und wieder beginnt das Dilemma mit dem <PF>. „Trampelpad, Trampel…, Trampelpaff“. Jetzt lacht Ashura gar nicht mehr – ganz im Gegenteil: Sie wirkt geknickt! „Nicht schlimm – du hast das sehr gut gemacht“, versuche ich sie aufzumuntern. Sie hat fast drei Stunden Deutsch nonstop hinter sich, ebenso wie die anderen Kids und Teens, die sich jetzt ihre Spielpause redlich verdient haben.

Während auf den Tischen <Halligalli> und <Mensch ärgere dich nicht> aufgebaut wird, steht plötzlich Abbas vor mir: „Frau Meißner, Yasin und Samir schlagen“. Schnell drehe ich mich um – kann doch nicht sein, denke ich und tatsächlich: Es passiert gar nichts. Beide sitzen an ihren Tischen. Was also meint Abbas?

Auch Yasin meldet sich zu Wort, möchte aber nur von mir wissen, wann die Schule zu Ende ist. Heute ist Elternsprechtag – die Schüler/innen haben also alle nach der vierten Stunde frei. So auch unsere DaZ-Klasse. „Die Schule ist um 11.20 Uhr zu Ende – ihr geht dann nach Hause“, erkläre ich Yasin, der wie immer freundlich nickend das Gesagte bestätigt und die Worte schnell mal ins Arabische übersetzt. Noch immer überlege ich, was Abbas mir sagen will – und irgendwie scheint er verzweifelt auf der Suche nach den richtigen Worten zu sein. Er will mir irgendwas erklären. Aber was? Also sage ich: „Wir passen schon auf“, und schicke ihn zu seinem Platz, wo das aufgebaute Spiel bereits auf ihn wartet. Die beiden Mädels, Abrar und Ashura, haben schon mit dem Spielen begonnen, was sie jedoch nicht daran hindert, eine weitere Farbe aufs Spielbrett zu stellen. Inzwischen sind wir in der vierten Stunde angekommen und die älteren Schüler auf dem Weg zur Grammatikübung.

Susanne, die DaZ-Spezialistin an der Schule, hat erkannt, dass die Großen ihr Potential gar nicht richtig ausleben können und bietet ihnen daher einen individuellen Grammatikunterricht. Auch unsere Jüngsten, Abrar, Ashura und Aleyna, erhalten eine spezielle Förderung – sie bekommen montags und mittwochs Besuch von einer ehrenamtlich tätigen pensionierten Lehrerin, die genau weiß, wie sie ihnen das Alphabet und viele, viele Begriffe beibringen kann. Fakt ist nun einmal, dass unsere Klasse aus drei Gruppen besteht: Die Kleinen, die teils noch mit unserem Alphabet ihre Schwierigkeiten haben. Die Mittleren, die schon ein Stückweit Deutsch können, jedoch ihre Aussprache und Schrift üben müssen. Und zu guter Letzt die Großen, die bereits imstande sind, Zusammenhänge in wackeligem Deutsch zu erklären und jetzt an die Grammatik herangeführt werden müssen. Drei Gruppen, die ich in der zweiten Stunde allein und in der dritten und vierten Stunde gemeinsam mit Susanne, Helga (ebenfalls Lehrerin an der Schule) sowie zwei weiteren ehrenamtlich Aktiven unter einen Hut bekommen muss. Ich bin diejenige, die sich dann -wenn denn alle Lehrköpfe vereint sind- um diejenigen Schüler/innen kümmert, die ihren Wortschatz erweitern und die ersten einfachen Sätze sowie Texte lernen sollen. Hört sich zunächst bombastisch an – zeitweise fünf Personen, die sich um den DaZ-Unterricht der Mädchen und Jungen im Alter von 10 bis 15 Jahren kümmern. Aber: Unsere Tätigkeit geht weit über den Deutschunterricht hinaus – denn zunehmend müssen wir uns auch in die soziale Sphäre der Schüler/innen einmischen. Es geht um Regeln und zwischenmenschliche Beziehungen, aber auch um Probleme, die im Schulalltag (auf dem Schulhof und Co.) auftreten können. Denn seien wir mal ehrlich – wer glaubt, dass sein Gegenüber ihn eh nicht versteht, traut sich schon einmal Dinge zu sagen, die er sonst vielleicht runterschlucken würde! Nun gut …

Während Susanne sich also jetzt mit einem Großteil unserer DaZ-Klasse beschäftigt und weitere Schüler/innen in den verschiedenen Klassen aufgeteilt sind, widme ich mich der Beobachtung.

Ich sehe Abbas, Ashura und Abrar, wie sie voller Spaß eine sechs zu würfeln versuchen. Ich sehe aber auch Samir, der zum Spielen bereits viel zu alt und vor allem viel zu cool ist – er zieht es vor, sich kurzerhand seine Ohrstöpsel zu greifen und Musik zu hören. Ärgerlich, jetzt muss ich wieder was sagen! „Samir, die Ohrstöpsel bitte raus und Handy aus“. Auch Leano hat diese Aufforderung gehört – und steckt behutsam in der Hoffnung, dass ich es nicht gesehen habe, sein Handy in die Hosentasche. Um dem Ganzen ein wenig die Luft aus den Segeln zu nehmen, setze ich ein Grinsen auf und gebe Leano mit einem einfachen <UPS> zu verstehen, dass ich es dennoch gesehen habe. Kurzerhand fragt mich Ashura: „Was ist UPS?“ Natürlich meine ich nicht den Zustellservice, sondern … ach, egal. Sie kennt weder das eine noch das andere.

„UPS bedeutet sowas wie <HUCH>“, antworte ich ihr, während ich mit den Schultern zucke und die Hände offen nach oben halte. Ja, ne – is´ klar. Als wüsste sie jetzt, was <HUCH> heißt.

Kaum schießt mir dieser Gedanke in den Kopf, reagiert sie auch schon. „Was ist <HUCH>?“, fragt sie mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Also versuche ich es anders auszudrücken: „Google sagt <HOPPLA>“. Plötzlich lacht Leano. Offensichtlich hat er diesen Wink verstanden. Und auch Ashura scheint jetzt zu wissen, was ich meine. Läuft!

Nachdem das geklärt ist, richte ich meinen Blick wieder aufs Spielbrett. Abrars Chancen stehen echt schlecht – Abbas und Ashura zeigen ein glückliches Händchen beim Würfeln und schaffen es immer wieder, sie vom Brett zu fegen. Doch was ist das? Abbas würfelt eine sechs, wählt seinen Läufer aus, könnte Abrars Püppchen ein erneutes Mal nach Hause schicken und … tut es nicht! Ein Blick in ihr Gesicht reicht ihm wohl um zu erkennen, dass sie langsam der Mut und die Lust verlässt. Ein Blick, ein Lächeln … und er bewegt ein anderes Püppchen vorwärts. Wow. Damit hätte ich jetzt nicht gerechnet!

Mittlerweile füllt sich der Klassenraum wieder. Die Schüler/innen packen ihre Zettel und Stifte ein, räumen den Boden (natürlich nur auf Aufforderung) auf und schnappen sich ihre Rucksäcke. Die Stunde ist rum und damit für heute auch die Schule.

Auch ich mache mich auf den Weg, denn aufgrund meiner Teilzeitstelle habe ich jetzt frei. Naja – was man so <frei> nennen kann. Denn als ich zur Tür herauskomme, stürzt mir Abbas bereits in die Arme: „Frau Meißner, Samir und Yasin schlagen“. Wieder schaue ich mich um, sehe Samir auf der Wiese an seinem Fahrrad stehen, während Yasin sich mit anderen Schülern auf Arabisch unterhält. Ich gehe zu Yasin – denn der erweist sich in der Regel als ein recht vernünftiger Typ – und frage ihn, was los ist. Er schaltet natürlich direkt und sagt: „Nix. Ist nix.“ Bevor ich reagieren kann, schnellt Abbas dazwischen und erklärt mir mit geformten Fäusten: „Doch, Samir und Yasin <bum-bum>“. „Warum?“, will ich wissen. „Mädchen“, sagt er und grinst. Yasins spontanes „Neiiiiiiin“ und Samirs beschämter und zugleich wütender Blick in Abbas Richtung lassen mich jedoch erst einmal glauben, dass dem so ist. „In Deutschland sagt das Mädchen <du oder du>. Ihr braucht euch also gar nicht schlagen“, sage ich gedankenlos und weise die Jungs darauf hin, dass sie jetzt verschiedene Wege nach Hause nehmen sollen.

Keine Sorge – ich bin keinesfalls so naiv nun zu glauben, dass das funktioniert hat. Vor der Schule befindet sich ein Busch. Diesen nutze ich, um meinen Weg fortzusetzen – ohne die Sicht auf die Jungs zu verlieren. Kaum bin ich ums Eck verschwunden, sehe ich auch schon die fliegenden Fäuste durch die Blätter. Mit einer enormen Kraft prügeln die beiden auf sich ein, bis letztendlich beide auf dem Boden liegen – der eine hockend auf dem anderen. Na super, denke ich und sprinte dazwischen, um die beiden mit einem jeweiligen Griff an den Kragen auseinanderzuhalten. Doch meine Arme sind zu kurz – und so versuchen Yasin und Samir weiter, sich mit Fußtritten zu verletzen. Mich wollen sie dabei jedoch nicht treffen, so dass das Ganze in einem ziemlichen Gehampel endet.

Hm – könnte besser laufen, schießt mir durch den Kopf, während ein strammes Mädel aus der Siebten mir zur Hilfe eilt, sich Yasin schnappt und ihn festhält. Jetzt läuft´s! Noch einmal erkläre ich den beiden – nun mit angespannter und aufgebrachter Stimme –, dass sich hier nicht geprügelt wird. Samir, dessen Augen schon sehr glasig erscheinen, schnappt sich sein Rad und fährt langsam weg. Auch Yasin, der bereits kleine Schrammen im Gesicht hat, zeigt sich einsichtig und geht seines Weges. Nix wie weg hier, denke ich und bin froh, nach der kurzen Info in der Schule endlich in mein Auto steigen zu dürfen. Dennoch lässt es mich nicht los. Was, wenn sich die beiden an anderer Stelle weiterprügeln? Schließlich habe ich „hier wird sich nicht geprügelt“ gesagt. Ob es nun wirklich um ein Mädchen ging oder ein anderes Problem dafür sorgte, dass das Grün vor der Schule zum Boxring mutierte, weiß ich nicht – aber ich bin heilfroh und beruhigt zugleich, als ich am nächsten Tag erfahre, dass es keine weitere Prügelei gegeben hat.

Was für ein Tag … so vielseitig: herzlich, verrückt-lustig und ärgerlich!

Nächste Woche:

Strumpuffhose und Trampelpaff (3): „Speedy – ein Freund auf vier Pfoten“

Letzte Woche:

Strumpuffhose und Trampelpaff (1): Sind wir nicht alle ein bisschen verrückt?

Seit Februar 2016 unterstütze ich die DaZ-Klasse an der Agnes-Wenke-Schule – seither habe ich viel erlebt und vor allem gelernt. Über die verschiedenen Kulturen, aber auch über die Alltagsprobleme im fremden Deutschland. Interessantes, Lustiges und manchmal auch Trauriges. Mit dieser Serie möchte ich Sie an meinen Erfahrungen teilhaben lassen – und das Woche für Woche. Sind Sie dabei? Ich freue mich und sage: Auf bald!

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