Willkommen in Deutschland – Damals gab es kein „Wir schaffen das!“

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Schöne und seltene Fotos aus ihrer Heimat, Syrien. Eindrücke aus den Städten Aleppo oder Hams, die man seit Monaten eigentlich nur aus den Nachrichten kennt. In Farbe, in schwarzweiß… aus Geschichte und Gegenwart. Einer traurigen Gegenwart, das wird den Besuchern der Premiere von „Wintergarten – Ich will nach vorne schauen“ nicht nur durch die bedrückende arabische Musik deutlich. 23 motivierte Akteure (Foto, oben: Albrecht) zur Hälfte deutsch, zur Hälfte arabisch, überzeugten am Montag mit ihrem eigenen Stück, für das sie ein gutes Jahr geprobt hatten…

Die KulturSchmiede in Arnsberg war bis auf den letzten Platz gefüllt. Viele wollten sich selber ein Bild vom Ergebnis der langen Vorbereitungen machen und wurden nicht enttäuscht. Der „Wintergarten“ überzeugte – ohne lange Worte zu machen – auf der ganzen Linie. Da war diese dichte Atmosphäre, die schon in den ersten Minuten des Spiels die Zuschauer in ihren Bann riss. Denn kaum hatten sie die Bilder der einst heilen und dann zerstörten Städte aus Syrien gesehen, belebte sich die Bühne: Menschen, die sich zum Reden treffen, ihre Einkäufe erledigen und alles tun, was „normale“ Menschen auch zu tun pflegen…

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Bedrückende Flucht von der Bühne der KulturSchmiede: Das Stück „Wintergarten“ verschont die Zuschauer nicht… Fotos: Albrecht

Wer sich gerade auf eine emotionale Entspannung eingestellt hat, wird enttäuscht. Sirenenalarm zu bedrohlich rotem Licht, Bombeneinschläge. Menschen werden getroffen, werden verletzt oder bleiben tot liegen. Nur mit letzter Kraft können sich die Schauspieler im „Wintergarten“ verletzt von der Bühne retten. Dass sie dies direkt durch die Sitzreihen der gebannten Zuschauer tun, macht die ganze Szenerie noch authentischer und bedrückender. Der Puls so mancher Zuschauer wird gestiegen sein, als sich „Flüchtlinge im doppelten Sinn“ auf allen vieren auf ihre „Flucht“ von der Bühne begeben haben.

Dem starken und durchaus gewollt bedrückenden Anfang folgt kein normales Stück: Immer wieder werden die persönlichen Geschichten der handelnden Akteure beschrieben. Nicht immer sind es die Dialoge, die fesseln. Auch Monologe von Flüchtlingen – in das gespannte Publikum hineingesprochen – können es auch.

Das Stück „Wintergarten“ erzählt Geschichten, wie sie schon jeder in Arnsberg (und in Deutschland) erlebt haben mag. Geschichten, die vom Ankommen im Bahnhof Deutschland erzählen. Geschichten, die das erste Befremden der Deutschen gegenüber dem Fremden zeigen. Aber auch Geschichten, die vom Kümmern um die neuen Menschen in Deutschland erzählen. Vom Kennenlernen und Verstehen – Geschichten die Mut machen.

Schließlich ist es nicht nur die dichte Atmosphäre des Stückes, die nach dem Einstieg in die Erzählung immer wieder bei einzelnen Szenen durchscheint, auch die inhaltlich überzeugenden Dialoge fesseln das Publikum immer wieder. Hier sind zwei Religionsbrüder die sprechen, dort sind es zwei „echte“ Brüder, von denen der Eine nur noch in der Erinnerung des Ersten auftaucht. Leider ist er ja bei der Flucht im Boot ertrunken…

Aber es sind nicht nur die Flüchtlinge, die ihre Geschichten im „Wintergarten“ erzählen. Nicola (Anne Mannstein), die in der Rolle einer Kümmerin auf der Bühne steht, bringt ihre Erinnerungen an Flucht und Vertreibung nach dem zweiten Weltkrieg vor. In aller nötigen Ausführlichkeit können die Zuschauer die Parallelen zur Situation 2015 und der Folgezeit erkennen. Nicht zuletzt hier verstehen die Zuschauer, wie eng die Entstehungsgeschichte des Stückes in den letzten Monaten mit der Erzählung des „Wintergartens“ verwoben ist…

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Theater live – das Stück „Wintergarten“ freute sich auch über viele Flüchtlinge in den Reihen…

Emotionale Entspannung geben im „Wintergarten“ immer wieder die musikalischen Beiträge, die zu großen Teilen von Silas Eifler und Paula Wirsbitzki mit der Gitarre live auf der Bühne gespielt und von vielen Mitwirkenden gesungen wird…

Dem gezeigten Stück sieht man seine professionelle Begleitung und Unterstützung an. Gut in Szene gesetzt werden die bedrohlichen Momente des Stückes, von der schauspielerischen Leistung der 23 Mitwirkenden stets getragen. Theater, Tanz-Theater, Musical – der „Wintergarten“ hat von jedem der einzelnen Elemente etwas zu bieten. Rund 90 Minuten packen die Zuschauer so, dass nicht wenige gar nicht merken, wie schnell die Zeit vergeht. Zum Schluss gibt es für alle Mitwirkenden stehende Ovationen in der KulturSchmiede und die Gewissheit, ein beeindruckendes Stück gesehen zu haben, dem sein guter Ruf schon vorausgeeilt zu sein scheint. Alle drei geplanten Aufführungen (Montag bis Mittwoch, 9. November) sind restlos ausverkauft!

„Wir müssen jetzt wohl noch über eine weitere Aufführung nachdenken, die so nicht geplant war“, sagt Martina Gerdes, die Initiatoren des Theaterprojektes mit Flüchtlingen. Das Stück hat es verdient, die Zuschauer, die es (noch) einmal sehen wollen, auch…

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